Garnelen richtig füttern: Warum mehr Futter nicht automatisch besser ist
Garnelen richtig füttern: Warum mehr Futter nicht automatisch besser ist
Garnelen sind fast ständig irgendwo am Zupfen.
Auf Holz, Steinen, Pflanzen, Scheiben und Bodengrund suchen sie Oberflächen ab und nehmen dabei verwertbares Material auf. Das verleitet schnell zu der Annahme, dass Garnelen auch ständig zusätzliches Futter brauchen.
Das ist aber nicht dasselbe.
Gerade in einem eingefahrenen Aquarium steht den Tieren deutlich mehr zur Verfügung als nur das Futter, das ich bewusst ins Becken gebe.
Biofilm ist ein wichtiger Teil der Ernährung
Wie bedeutend natürlicher Aufwuchs sein kann, zeigt eine Untersuchung an Neocaridina davidi sehr deutlich: Die Tiere wurden in einem biofilmbasierten Haltungssystem untersucht, dessen Biofilm unter anderem Mikroalgen, Kieselalgen, Cyanobakterien und Ciliaten enthielt. Dieser Biofilm wurde im Versuch als alleinige Nahrung genutzt und ermöglichte die Untersuchung des vollständigen Lebenszyklus der Tiere.
Das bedeutet nicht, dass ich daraus ableite, Garnelen im Aquarium grundsätzlich überhaupt nicht zusätzlich zu füttern.
Es zeigt aber sehr schön, wie wichtig die ständig vorhandenen natürlichen Nahrungsquellen im Becken sind.
Ein gut eingefahrenes Aquarium mit Pflanzen, Holz, Steinen und anderen besiedelten Oberflächen ist ernährungsbiologisch etwas völlig anderes als ein frisch eingerichtetes, nahezu steriles Becken.
Deshalb gibt es für mich keine universelle Futtermenge
„Ein Stick für 20 Garnelen.“
„Eine Messerspitze für 50 Tiere.“
Solche Angaben können eine Orientierung sein. Als allgemein gültige biologische Regel taugen sie für mich nicht.
Denn 50 Garnelen in einem lange eingefahrenen, stark strukturierten Aquarium können eine völlig andere natürliche Nahrungsgrundlage haben als 50 Garnelen in einem frisch eingerichteten Becken.
Dazu kommen weitere Unterschiede:
Wie viele adulte Tiere leben im Aquarium?
Wie viel Nachwuchs ist vorhanden?
Wie groß ist das Becken?
Wie viele bewachsene Oberflächen gibt es?
Leben Schnecken oder andere Futterkonkurrenten mit im Aquarium?
Und natürlich spielt auch das verwendete Futter selbst eine Rolle.
Deshalb halte ich es für sinnvoller, eine Futtermenge am tatsächlichen Becken und am Tierbestand auszurichten, statt sich blind an einer einzigen Zahl festzuhalten.
Mehr Futter bedeutet nicht automatisch bessere Versorgung
Bei Garnelen möchte ich weder dauerhaft zu wenig noch unnötig viel füttern.
Auch wissenschaftliche Haltungsversuche arbeiten nicht einfach nach dem Prinzip „viel hilft viel“. Bei Fütterungsversuchen mit Neocaridina wurden nicht gefressene Futterreste entfernt und die Haltung hygienisch kontrolliert.
Für mein Aquarium bedeutet das ganz praktisch:
Wenn regelmäßig deutlich Futter liegen bleibt, obwohl die Tiere ausreichend Zeit hatten, es zu finden, war meine Portion offensichtlich größer als der aktuelle Bedarf.
Dann erhöhe ich nicht weiter, sondern passe die Menge nach unten an.
Ich möchte die Garnelen füttern und nicht das Aquarium mit überschüssigem Futter belasten.
Garnelen brauchen trotzdem eine vernünftige Ernährung
Die Bedeutung von Biofilm bedeutet auch nicht, dass die Zusammensetzung von zusätzlichem Futter völlig egal wäre.
Versuche mit Neocaridina davidi zeigen, dass unterschiedliche kommerzielle Futtermittel Wachstum und Fortpflanzung unterstützen können. In einer Untersuchung waren fünf getestete kommerzielle Diäten für zufriedenstellendes Wachstum und die untersuchten Fortpflanzungsparameter geeignet. Unterschiede im Carotinoidgehalt der Futtermittel beeinflussten dabei unter anderem die Körperfärbung.
Eine weitere Untersuchung verglich verschiedene kommerzielle Diäten gezielt im Hinblick auf Fortpflanzungsleistung der Weibchen und die Qualität des Nachwuchses.
Für mich folgt daraus vor allem:
Eine ausgewogene Ernährung ist wichtiger als möglichst viel Futter.
Muss ich jeden Tag etwas anderes füttern?
Hier möchte ich einen häufigen Eindruck etwas relativieren.
Abwechslung kann sinnvoll sein und ich selbst arbeite gerne mit verschiedenen Futtersorten und unterschiedlichen Futterkomponenten.
Aber daraus sollte man keine biologische Pflicht machen.
Es gibt keinen belastbaren Nachweis dafür, dass eine Neocaridina zwingend an sieben Tagen sieben verschiedene Produkte benötigt, sofern sie insgesamt mit einer geeigneten und vollständigen Ernährung versorgt wird.
Untersuchungen zeigen vielmehr, dass unterschiedliche ausgewogene kommerzielle Futtermittel grundsätzlich eine erfolgreiche Haltung und Fortpflanzung ermöglichen können.
Ich sehe Futterrotation deshalb als eine Möglichkeit, verschiedene Futterquellen sinnvoll einzusetzen, nicht als magisches Prinzip, ohne das eine Garnele nicht gesund gehalten werden könnte.
Nachwuchs verändert die Situation
Bei vielen Junggarnelen verändert sich mein Blick auf die Fütterung.
Sehr kleine Garnelen können nicht einfach davon ausgehen, dass ein großer Futterstick irgendwo im Aquarium für sie erreichbar ist. Flächig verfügbare Nahrung und gut besiedelte Oberflächen gewinnen dadurch an Bedeutung.
Gleichzeitig sollte man aus der erstaunlichen Widerstandsfähigkeit junger Neocaridina keine falschen Schlüsse ziehen.
Experimente zur Nahrungskarenz zeigten zwar eine vergleichsweise hohe Hungerresistenz der frühen Entwicklungsstadien. Längere Futtereinschränkungen beeinflussten bei sehr jungen Tieren aber Wachstum und Überleben negativ.
„Die finden schon irgendetwas“ ist deshalb für mich bei einem Aquarium voller Nachwuchs keine vernünftige Fütterungsstrategie.
Ich möchte vielmehr dafür sorgen, dass ausreichend geeignete Nahrung im Lebensraum der Jungtiere verfügbar ist.
Ein eingefahrenes Becken ist dabei Gold wert
Moose, Wurzeln, Steine, Pflanzen und andere strukturierte Oberflächen schaffen nicht nur Verstecke.
Sie bieten auch viel Fläche für Biofilm und Mikroaufwuchs.
Genau deshalb finde ich ein biologisch reifes Garnelenaquarium wesentlich wichtiger als irgendeine vermeintliche Wunderfütterung.
Dass Neocaridina einen vollständigen Lebenszyklus in einem gezielt biofilmbasierten System durchlaufen können, unterstreicht die Bedeutung dieser natürlichen Nahrungsgrundlage sehr deutlich.
Woran orientiere ich mich beim Füttern?
Ich schaue nicht nur auf die Tierzahl.
Ich schaue auf das gesamte Aquarium.
Wie stark stürzen sich die Tiere auf das Futter?
Bleiben regelmäßig größere Mengen übrig?
Ist viel Nachwuchs vorhanden?
Hat sich der Bestand deutlich vergrößert?
Wie reif und strukturiert ist das Aquarium?
Gibt es zusätzliche Futterkonkurrenten?
Auf dieser Grundlage passe ich die Fütterung an.
Eine exakt berechnete Portion kann ein guter Ausgangspunkt sein. Beobachtung bleibt für mich trotzdem unverzichtbar.
Und Fastentage?
Auch hier würde ich keine pauschale Regel wie „Garnelen brauchen zwingend einmal pro Woche einen Fastentag“ aufstellen.
Neocaridina können nachweislich mit zeitweisen Nahrungslücken umgehen. Die erwähnten Hungerexperimente zeigen gleichzeitig aber auch, dass aus Hungerresistenz nicht folgt, dass längere Nahrungseinschränkung grundsätzlich vorteilhaft wäre.
In einem gut eingefahrenen Garnelenaquarium bedeutet ein Tag ohne zusätzlich eingebrachtes Futter ohnehin nicht automatisch einen Tag ohne Nahrung.
Biofilm und andere natürliche Futterquellen verschwinden schließlich nicht, nur weil ich keinen Stick ins Aquarium werfe.
Mein Vorgehen in der Praxis
Ich starte lieber etwas zurückhaltender und beobachte.
Wird die angebotene Menge zuverlässig angenommen und der Bestand wächst, kann ich anpassen.
Bleiben regelmäßig größere Reste übrig, reduziere ich.
Sind viele Jungtiere vorhanden, achte ich stärker darauf, dass Nahrung auch für sie erreichbar ist und nicht ausschließlich in einem großen Stück an einer einzigen Stelle liegt.
Und vor allem versuche ich, das Aquarium selbst als Teil der Ernährung zu verstehen.
Denn eine Garnelenkolonie lebt nicht nur von dem, was aus der Futterdose kommt.
Fazit
Garnelenfütterung ist für mich kein Wettbewerb darum, möglichst viele verschiedene Futtersorten oder möglichst große Portionen ins Aquarium zu geben.
Biofilm und Mikroaufwuchs sind reale und wichtige Nahrungsquellen. Das ist für Neocaridina davidi experimentell gut belegt. Gleichzeitig zeigen Ernährungsstudien, dass geeignete Futtermittel Wachstum und Fortpflanzung unterstützen und ihre Zusammensetzung durchaus einen Unterschied machen kann.
Deshalb suche ich die Balance.
Natürlich vorhandenes Futter nutzen.
Gezielt ergänzen.
Nachwuchs berücksichtigen.
Und beobachten, was im eigenen Aquarium tatsächlich passiert.
Für mich ist nicht die größte Portion die beste Fütterung, sondern diejenige, die zum Bestand und zum jeweiligen Aquarium passt.
