Aquaristik-Ratgeber | BioSphere Aquaristik

PRAXISWISSEN AUS EIGENER AQUARIENPRAXIS

AQUARISTIK VERSTEHEN.
BESSER ENTSCHEIDEN.

In meinem Ratgeber teile ich Erfahrungen aus meiner eigenen Aquarienpraxis rund um Pflanzen, Hardscape, Garnelen, Wasserwerte und Pflege. Verständlich erklärt, praxisnah und ohne unnötigen Schnickschnack.

Algen im neuen Aquarium: Was normal ist und wann Du reagieren solltest

Das Aquarium ist gerade eingerichtet, die Pflanzen sind frisch gesetzt und eigentlich soll jetzt alles nur noch wachsen.

Und dann kommen die Algen.

Braune Beläge auf Steinen und Scheiben, grüne Punkte oder erste feine Fäden zwischen den Pflanzen können gerade in der Anfangsphase schnell den Eindruck vermitteln, dass etwas grundsätzlich schiefläuft.

Für mich ist ein bisschen Algenwachstum in einem jungen Aquarium aber noch kein Grund zur Panik.

Ein frisch eingerichtetes Becken ist biologisch noch nicht dasselbe wie ein Aquarium, das bereits über längere Zeit stabil läuft. Tropica bezeichnet gerade die ersten 90 Tage als besonders wichtige Phase, in der sich Pflanzen an die neuen Bedingungen anpassen müssen und gleichzeitig Algen gute Entwicklungsmöglichkeiten finden können.

Warum sind neue Aquarien anfälliger?

Nach dem Einrichten verändert sich im Aquarium vieles gleichzeitig.

Die Pflanzen müssen anwachsen und sich an Licht, Wasserwerte, Nährstoffversorgung und gegebenenfalls CO₂ anpassen. Gerade in dieser Übergangsphase ist ihre Entwicklung noch nicht auf dem Niveau eines gut eingewachsenen Pflanzenbestands. Dennerle beschreibt ebenfalls, dass Algen während der Startphase häufiger auftreten können, während sich die Pflanzen zunächst an ihre neuen Bedingungen anpassen und verwurzeln.

Für mich bedeutet das:

Das Aquarium befindet sich zunächst in Entwicklung.

Ich erwarte deshalb nicht, dass ein neu eingerichtetes Becken vom ersten Tag an genauso stabil reagiert wie ein lange laufendes Aquarium.

Nicht jeder Belag bedeutet dasselbe

Wenn jemand sagt: „Ich habe Algen“, sagt das zunächst noch nicht besonders viel.

Ein brauner Belag ist etwas anderes als grüne Punktalgen oder lange Fäden.

Gerade in jungen Aquarien werden beispielsweise häufig Kieselalgen beziehungsweise braune Beläge beobachtet. Dennerle beschreibt sie ausdrücklich als typische Erscheinung der Startphase. Später können auch verschiedene Grünalgen auftreten.

Deshalb versuche ich zuerst herauszufinden, was ich überhaupt vor mir habe, bevor ich irgendetwas behandle.

Ein Aquarium blind mit irgendeinem „Anti-Algen-Mittel“ zu behandeln, nur weil irgendwo etwas Grün oder Braun wächst, ist für mich keine sinnvolle Ursachenanalyse.

Das erste Werkzeug ist Beobachtung

Wenn in einem jungen Aquarium erste Algen auftauchen, schaue ich mir zunächst das gesamte System an.

Wie entwickeln sich die Pflanzen?

Treiben sie neu aus?

Wie lange und wie intensiv wird beleuchtet?

Wie sieht die Nährstoffversorgung aus?

Fallen ungewöhnlich viele abgestorbene Blätter oder andere organische Reste an?

Wie regelmäßig wird gepflegt?

Das ist für mich wichtiger als die Frage, welches Mittel ich möglichst schnell ins Wasser kippen könnte.

Licht: Mehr ist nicht automatisch besser

Gerade bei frisch eingerichteten Pflanzenaquarien würde ich die Beleuchtung nicht sofort maximal ausreizen.

Tropica empfiehlt für die Einfahrphase eine schrittweise Steigerung der Beleuchtungsdauer und nennt maximal acht Stunden pro Tag, weil zu viel Licht Algenprobleme begünstigen kann.

Diese acht Stunden sind für mich keine mathematische Naturkonstante für jedes Aquarium.

Aber das Prinzip dahinter ist wichtig:

Licht ist Energie.

Wenn die Pflanzen diese Energie in der Anfangsphase noch nicht entsprechend nutzen können, bringt es wenig, einfach immer stärker oder länger zu beleuchten.

Ich passe Licht deshalb lieber schrittweise an die Entwicklung des Beckens an.

Pflanzen sind ein wichtiger Teil der Stabilisierung

Ein gut wachsender Pflanzenbestand ist für ein Pflanzenaquarium ein wesentlicher Faktor.

Tropica weist bei schnell wachsenden Arten ausdrücklich darauf hin, dass kräftiges Pflanzenwachstum Nährstoffe aus dem Wasser aufnimmt und dadurch das Risiko starken Algenwachstums reduzieren kann.

Deshalb versuche ich bei einem neuen Aquarium nicht nur, die Algen zu betrachten.

Ich schaue vor allem auf die Pflanzen.

Wenn die Pflanzen nicht vernünftig wachsen, interessiert mich die Ursache dafür mindestens genauso sehr wie die Algen selbst.

Wasserwechsel sind gerade am Anfang sinnvoll

In einem frisch eingerichteten Aquarium können sich Abbauprodukte und Nährstoffe zunächst stärker verändern.

Tropica empfiehlt deshalb während der Startphase deutlich häufigere Wasserwechsel als später im stabilisierten Aquarium und nennt für die ersten drei Wochen bis zu 50 Prozent zweimal pro Woche. Nach der Stabilisierung wird eine deutlich geringere regelmäßige Wechselroutine empfohlen.

Ich sehe solche Angaben nicht als Pflichtprogramm für jedes einzelne Becken.

Das Grundprinzip halte ich aber für sinnvoll:

Gerade in der Anfangsphase pflege ich lieber konsequent, statt wochenlang gar nichts zu tun und auf ein Wunder zu hoffen.

Abgestorbene Pflanzenteile gehören raus

Blätter, die sich vollständig auflösen, oder andere abgestorbene Pflanzenteile lasse ich nicht unnötig im Becken liegen.

Tropica empfiehlt ebenfalls, abgestorbenes Pflanzenmaterial zu entfernen, da dessen Abbau Sauerstoff verbraucht und Nährstoffe freisetzt, die Algenwachstum fördern können.

Ein einzelnes altes Blatt ist natürlich keine Katastrophe.

Wenn sich nach einer Neueinrichtung aber größere Pflanzenmengen umstellen und alte Blätter abwerfen, entferne ich das abgestorbene Material regelmäßig.

Algenfresser können unterstützen – aber sie lösen nicht jede Ursache

Amano-Garnelen und andere Aufwuchsfresser können bei bestimmten Algen durchaus hilfreich sein.

Tropica hat die Aufnahme von Grünalgen und Kieselalgen durch Amano-Garnelen sogar experimentell auf bewachsenen Keramikplatten untersucht.

Trotzdem würde ich Tiere niemals nur als „Werkzeug gegen Algen“ betrachten.

Sie müssen zum Aquarium, zu den Wasserwerten und zum restlichen Besatz passen und benötigen dauerhaft geeignete Lebensbedingungen.

Außerdem ersetzt auch die beste Amano-Garnele keine vernünftige Beleuchtung, Pflege und Pflanzenentwicklung.

Muss ich jede Alge sofort entfernen?

Nein.

Wenn ich an einer Scheibe ein paar grüne Punkte sehe oder sich auf neuem Hardscape ein leichter Belag bildet, muss ich daraus noch keine Krise machen.

Was mich interessiert, ist die Entwicklung.

Bleibt es bei einem begrenzten Aufwuchs?

Oder breitet sich etwas innerhalb kurzer Zeit massiv aus?

Werden Pflanzen überwuchert?

Nimmt deren Wachstum sichtbar ab?

Das sind für mich wesentlich wichtigere Fragen als der Anspruch, ein Aquarium müsse vollkommen algenfrei sein.

Wann werde ich aktiver?

Ich greife stärker ein, wenn Algen beginnen, Pflanzen deutlich zu bedrängen oder wenn ihre Ausbreitung trotz normaler Pflege kontinuierlich zunimmt.

Dann überprüfe ich systematisch die Bedingungen:

Beleuchtung, Nährstoffversorgung, CO₂ bei entsprechend betriebenen Pflanzenaquarien, Pflanzenwachstum, Pflege und organische Belastung.

Bei Fadenalgen empfiehlt Tropica beispielsweise eher häufigere Wasserwechsel und biologische beziehungsweise mechanische Maßnahmen als den routinemäßigen Einsatz chemischer Präparate.

Genau diese Denkweise gefällt mir:

Ursache und Rahmenbedingungen verstehen, statt nur das sichtbare Symptom zu bekämpfen.

Was ich nicht mache

Ich ändere nicht innerhalb weniger Tage gleichzeitig Licht, Düngung, CO₂, Wasserwechsel und Fütterung.

Denn wenn ich fünf Dinge gleichzeitig ändere, weiß ich anschließend nicht, welche Änderung überhaupt etwas bewirkt hat.

Ich versuche lieber, nachvollziehbar vorzugehen.

Beobachten.

Eine sinnvolle Stellschraube verändern.

Entwicklung beurteilen.

Und dann bei Bedarf weiter anpassen.

Ein neues Aquarium braucht Zeit

Das ist wahrscheinlich der Punkt, den man beim Aquascaping am schwersten akzeptiert.

Wir bauen ein Aquarium innerhalb weniger Stunden oder Tage auf und möchten am liebsten sofort das fertige Ergebnis sehen.

Die biologischen Prozesse interessieren sich aber nicht für unseren Zeitplan.

Pflanzen müssen wachsen, Oberflächen werden besiedelt und das gesamte System verändert sich während der ersten Wochen und Monate. Tropicas eigener Startleitfaden betrachtet deshalb ausdrücklich einen Zeitraum von 90 Tagen als wichtige Entwicklungsphase eines neu eingerichteten Pflanzenaquariums.

Mein Fazit

Algen in einem jungen Aquarium bedeuten nicht automatisch, dass das Becken misslungen ist.

Die Startphase ist eine Zeit großer Veränderungen. Pflanzen müssen sich etablieren und das gesamte System entwickelt sich erst.

Ich kontrolliere deshalb nicht panisch jeden grünen Punkt.

Ich achte auf das Gesamtbild.

Wachsen die Pflanzen?

Passt die Beleuchtung?

Wird regelmäßig gepflegt?

Entferne ich abgestorbenes Material?

Und entwickelt sich der Algenbestand in eine problematische Richtung oder bleibt er überschaubar?

Wenn ich diese Fragen beantworten kann, wird aus „Ich habe Algen!“ eine viel sinnvollere Frage:

Warum entwickeln sie sich gerade – und welche Stellschraube kann ich vernünftig verbessern?

Genau da beginnt für mich gute Aquarienpflege.

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